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Die West-Ukraine und ihre "Helden"

aktualisiert am 27.7.2022

Zunächst soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass im Zweiten Weltkrieg Millionen ukrainischer Soldaten und Partisanen auf sowjetischer Seite mitkämpften und mit ihrem Blut Deutschlands Niederlage besiegelten. Ihnen gebührt die gleiche Ehre wie allen anderen Kriegsteilnehmern, die auf alliierter Seite kämpften. Umso befremdlicher ist, dass Ukrainer, die nachweislich mit den Nazis kollaborierten, nach der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 als Freiheitskämpfer und Helden glorifiziert wurden.

Ukrainische Briefmarke zum 100. Geburtstag (2009) von Stepan Bandera Foto aus Wikipedia (gemeinfrei):
Ukrainische Briefmarke zum 100. Geburtstag (2009) von Stepan Bandera

Einer dieser "Helden" ist Stepan Bandera. Die Erinnerung an ihn könnte kaum unterschiedlicher sein. Während die Menschen in der Ost- und Südukraine sowie das Russland Wladimir Putins in ihm einen Nazi-Kollaborateur und Faschisten sehen, wird er im westlichen Teil des Landes meistens als Freiheitskämpfer bewundert. Ihm zu Ehren wurden Denkmäler errichtet, Statuen aufgestellt, Straßen umbenannt, Museen eröffnet und eine Briefmarke herausgegeben.

Einer, der Bandera als Helden schätzt, ist der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk. Nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt legte im April 2015 am Grab Banderas auf dem Münchener Waldfriedhof Blumen nieder, was damals jedoch vom Auswärtigen Amt kritisiert wurde. Staatsminister Michael Roth wies in diesem Zusammenhang auf die "Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN)" hin, welche - teilweise unter Banderas Leitung - Verbrechen an polnischen, jüdischen und ukrainischen Zivilisten und Amtsträgern begangen hätte.

Was sind die Fakten? Stepan Bandera wurde 1909 in Galizien geboren, das zu dieser Zeit noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Eine der schwerwiegendsten Folgen des Ersten Weltkriegs war der Zusammenbruch dieses Staatverbandes. Galizien fiel dadurch an die polnische Republik.

Stepan Bandera konnte nach seinem Schulabschluss im jetzt zu Polen gehörenden Lemberg (Lwiw) studieren. Schon bald schloss er sich der OUN an und stieg Anfang der 1930er-Jahre zu einer der führenden Personen der Organisation auf. In dieser Zeit begann die OUN mit dem bewaffneten Kampf und Terroraktionen gegen den polnischen Staat.

1934 wurde Bandera vor ein polnisches Gericht wegen der Beteiligung an der Ermordung des polnischen Innenministers Pieracki gestellt. Der Mord an Pieracki stellte nur den Höhepunkt einer Reihe von Attentaten auf mehrere polnische und auch ukrainische Politiker dar, die sich um eine Deeskalation des polnisch-ukrainischen Konflikts bemühten.

Im Prozess huldigten andere OUN-Angeklagte ihrem Prowidnyk ("Führer") mit dem faschistischen Gruß. Bandera wurde zwar zum Tode verurteilt, aber die Strafe dann doch in eine lebenslange Haft umgewandelt. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und die durch den Hitler-Stalin-Pakt vereinbarte sowjetische Besetzung Ostpolens kam Bandera frei.

Die OUN spaltete sich 1940 in die konservative OUN-M unter Andrij Melnyk (vermutlich nur zufällig namensgleich mit dem peinlichen Botschafter aus der Ukraine) und die revolutionäre und radikal antisemitische OUN-B unter der Führung von Bandera. Das "B" steht für "banderiwzi", was "Banderisten" oder "Bandera-Leute" heißt.

Schloss Schowkwa mit Parolen Foto aus Wikipedia (gemeinfrei):
"Heil Hitler! Heil Bandera! Lang lebe der Ukrainische Unabhängige Staat! Lang lebe unser Führer S. Bandera", steht am Schloss Schowkwa, Juli–August 1941

Wenige Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion durch Nazideutschland rief die OUN-B in Lemberg am 30. Juni 1941 einen ukrainischen Staat aus und erklärte Banderas Stellvertreter, Jaroslaw Stetzko, zum Regierungschef. Der stellte sich mit seiner Organisation eindeutig auf die Seite Deutschlands und verkündete: "Ruhm der deutschen Armee und dem Führer Adolf Hitler!" Ausdrücklich wurde um die Aufnahme in das "Neue Europa" mit den faschistischen Staaten Deutschland, Italien, Spanien und Kroatien gebeten. So viel Eigenstaatlichkeit eines slawischen Volkes kam bei Hitler aber nicht gut an. Bandera und Stetzko wurden verhaftet, in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, erhielten aber als Ehrenhäftlinge eine bevorzugte Behandlung.

Im August 1941 verfasste Stetzko eine autobiographische Schrift, in der er seinen Hass auf Juden und Sowjets kaum noch zügeln konnte.
Zitat aus Wikipedia:

"Moskau und die Juden sind die größten Feinde der Ukraine. Als Hauptfeind betrachte ich Moskau, welches die Ukraine mit Gewalt in Unfreiheit gehalten hat, nicht weniger beurteile ich die Juden als ein schädliches und feindliches Schicksal, die Moskau helfen die Ukraine zu verknechten. Daher beharre ich auf dem Standpunkt einer Vernichtung der Juden und der zweckdienlichen Einführung deutscher Methoden der Extermination der Juden in der Ukraine, ihre Assimilation ausschließend."

Trotz dieser Tiraden war die gemäßigte OUN-M von Andrej Melnyk erfolgreicher bei der Zusammenarbeit mit den Deutschen als die OUN-B. In der Folge wurde 1943 sogar eine SS-Division "Galizien" aufgestellt, welche den Eid auf Adolf Hitler ablegte. In Lwiw (Lemberg) findet seit 2010 alljährlich am 28. April, dem Gründungsdatum der Division, eine Parade statt, bei der rechte nationalistische Organisationen den Ton angeben. 2021 gab es solch eine Parade zum ersten Mal in Kiew, inklusive SS-Symbolen und Hitlergruß.

Am 14. Oktober 1942 wurde die "Ukrainische Aufständische Armee (UPA)" als militärischer Flügel der "Organisation Ukrainischer Nationalisten (Bandera-Fraktion)" gegründet. Die UPA war vorwiegend im Westen der Ukraine aktiv und kämpfte dort gegen die Deutschen, aber bis 1947 auch gegen die Polen und vor allem bis in die 1950er-Jahre gegen die Sowjetunion. Seit der Maidan-Revolution wird der 14. Oktober in der Ukraine offiziell als Feiertag begangen.

Polen hingegen bewertet die UPA als "verbrecherische Organisation", die für den "Genozid an der polnischen Bevölkerung" in Wolhynien und Teilen Ostgaliziens verantwortlich war. Bei den Massakern vom Februar 1943 bis zum April 1944 sollen bis zu 100.000 Polen von ukrainischen Nationalisten und Bauern ermordet worden sein. Weitaus mehr wurden zur Flucht und Auswanderung gezwungen. Insbesondere die Landbevölkerung der im deutschen Machtbereich liegenden Gebiete Polens und der Ukraine war der UPA schutzlos ausgeliefert. Tatsächlich unterstützten die Deutschen polnische Selbstverteidigungsgruppen mit Waffen. Letztlich gingen die Polen in einigen Regionen ihrerseits gegen Ukrainer vor und verübten barbarische Racheakte mit Tausenden von Opfern.

Polnische Zivilisten als Opfer des Massakers vom 26. März 1943 Foto aus Wikipedia (gemeinfrei):
Polnische Zivilisten als Opfer des Massakers vom 26. März 1943, das von der UPA mit Hilfe ukrainischer Bauern im Dorf Lipniki begangen wurde

Ein beklemmendes und brutales Zeugnis der Massengewalt in Wolhynien dokumentiert der Spielfilm "Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld" (Originaltitel: Wolyn), der von dem polnischen Regisseur Wojciech Smarzowski 2016 gedreht wurde. In ihm wird der Konflikt zwischen der ukrainischen Mehrheit und der polnischen Minderheit vor dem Hintergrund der zunehmenden Spannungen zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion von 1939 bis 1945 dargestellt. Insbesondere die letzte halbe Stunde mutet der Film den Zuschauern unerträglich brutale Gewaltszenen zu und zeigt überdeutlich den Verlust jeder Menschlichkeit.

Der Nazi-Gefangene Bandera war zwar nicht vor Ort, als die Massaker in Wolhynien und Ostgalizien verübt wurden, aber er hatte eine erhebliche moralische Verantwortung. Die OUN forcierte den Fremdenhass unter seiner Führung und war selbst beteiligt an den Progromen gegen Juden, Polen, Russen und alle anderen Gegner, die einer ethnisch-einheitlichen Nation im Wege standen.

Im September 1944 wurde Bandera aus der Haft entlassen, um an der Seite der Nationalsozialisten den ukrainischen Widerstand gegen die Rote Armee zu organisieren. Der Vormarsch der sowjetischen Truppen kam diesem Plan zuvor. Und im Dezember des gleichen Jahres hatte Bandera eine andere Priorität, die Gründung des Nationalstaates Ukraine.

Wegen dieses Plans und seiner Kollaboration mit den Nazis war Bandera von einem sowjetischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Ihm gelang aber 1946 die Flucht nach München. Trotz seines Aufenthalts im Exil erlangte Bandera ein Jahr später den Vorsitz der OUN und hatte diesen bis zu seinem Tod inne. 1959 ereilte ihn die späte Rache des sowjetischen Geheimdienstes. Ein KGB-Agent ermordete ihn am 15. Oktober vor seinem Wohnhaus.

Zigtausende UPA-Aktivisten begannen nach 1945 in der Westukraine einen blutigen Guerillakrieg mit terroristischen Operationen gegen Polizeikräfte und kommunistische Parteifunktionäre der UdSSR. Dabei wurde auch die Zivilbevölkerung nicht immer verschont. Die Kämpfer wurden, wie könnte es auch anders sein, vom US-Geheimdienst CIA unterstützt, indem z. B. Exilukrainer mit dem Fallschirm über der Ukraine abgesetzt wurden. Erst 1954 konnte die UPA von sowjetischen Militärkräften endgültig zerschlagen werden.

Noch zu Zeiten der Perestroika, also der Umgestaltung der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, wurden die Ansichten eines Stepan Bandera in der West-Ukraine wieder gesellschaftsfähig. Das verstärkte sich erst recht nach der Unabhängigkeit 1991. Nationalistische und rechtsextremistische Organisationen erlebten eine wundersame Wiederauferstehung.

Stepan-Bandera-Porträt am Rathaus von Kiew am 14. Januar 2014 Foto aus Wikipedia: spoilt.exile, Stepan-Bandera-Porträt, Rathaus Kiew, 14. Januar 2014, CC BY-SA 2.0extern🡽

2013/2014 protestierten Hunderttausende auf dem Kiewer Maidan - für eine demokratische und westlich-orientierte Ukraine. Doch von Anfang an spielten auch rechtsradikale und neonazistische Bewegungen eine wichtige Rolle, die eine rigorose Abkehr von Russland forderten. Teilweise mit Erfolg. So wurde nach und nach die weitverbreitete russische Sprache zurückgedrängt. Selbst demokratisch ausgerichtete Parteien und Menschen sehen inzwischen Stepan Bandera und andere nationalistischen Führer als Identifikationsfiguren.

Mitnichten entspricht also der Vorwurf des Faschismus an die Adresse der ukrainischen Politiker der blühenden Phantasie Putins und der russischen Regierung. Die Anschuldigung ist zwar überzogen, hat aber ihre Gründe in Erscheinungsbild und Ideologie der nationalen Bewegungen in der Ukraine. Der Einfluss auf wichtige Repräsentanten des Staates sollte nicht unterschätzt werden.

So erklärte am 9.4.2015 das ukrainische Parlament die Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) offiziell zu Unabhängigkeitskämpfern. Sie und ihre Taten sind damit voll rehabilitiert. Und es ist schon erstaunlich, dass die Europäische Union und besonders auch deutsche Politiker und Medienschaffende nicht müde werden, den Regierungen in Ungarn und Polen undemokratische Verhaltensweisen vorzuwerfen, aber die Rechtsausleger in der Ukraine inzwischen am liebsten totschweigen. Welche Bedeutung haben dann noch die viel beschworenen Werte der EU? Oder geht es doch eher um geostrategische Interessen?

Aber nicht nur das. Es werden der Ukraine, die eh schon am Tropf der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten von Amerika hängt, EU- und NATO-Mitgliedschaft angedient. Das löst bestimmt nicht den Konflikt mit Russland. Im Gegenteil: Das wird neue Probleme schaffen. Auch eine russische Regierung ohne Putin als Führungsfigur wird immer eine Politik der nationalen Sicherheit und Interessen praktizieren. Und was dann?

Nachtrag:

Andrij Melnyk, der streitsüchtige Botschafter der Ukraine in Deutschland und ein Verehrer von Stepan Bandera, wurde am 9. Juli 2022 von seinem Posten abgezogen. Monatelang hatte er, insbesondere nach dem russischen Überfall auf sein Land, deutsche Politik- und Medienvertreter in unverfrorener Weise bedrängen und beschimpfen dürfen, ohne dass die Außenministerin Baerbock es für nötig erachtete, diesen Gesandten einzubestellen, um ihn über die Gepflogenheiten der Diplomatie zu belehren. Wenn er nicht gerade in den hiesigen "Qualitätsmedien" ein willkommener Gast war, nutzte er für seine Angriffe gerne seinen Twitter-Account.

Auch wenn die Personalie Melnyk oberflächlich gelöst scheint, so bleibt abzuwarten, wer sein Nachfolger wird und welche Rolle der Ex-Botschafter künftig im ukrainischen Außenministerium spielen wird. Außerdem: Der Bandera-Kult ist ja ein wesentlicher Teil der Politik in der Ukraine und wird weiter gepflegt. Auf die BRD übertragen, hieße das, wenn irgendein Nazi-Führer durch eine Briefmarke und Denkmäler geehrt würde und wenn Straßen und Plätze nach ihm benannt würden. Absurd! Aber in der ach so "demokratischen" Ukraine kein Problem.

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