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"Anregender Lebensraum"

zuletzt bearbeitet am 15.12.2025

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Neu errichtetes Mietshaus in der Lion-Feuchtwanger-Straße in Kaulsdorf Lion-Feuchtwanger-Str © 2025 KopfsplitterFoto

Ein Tagesspiegel-Artikel vom 30.07.2025 des Architekturkritikers Falk Jaeger über ein Wohnprojekt in meiner Nachbarschaft weckte mein Interesse. Da der Neubau bei mir und Anwohnern bisher eher negative Kommentare ausgelöst hatte, fühlte ich mich motiviert, dem eher euphorischen Tagesspiegel-Artikel eine andere Sichtweise entgegen zu setzen. Also schickte ich folgende Mail an die Leserbriefredaktion:

Gesendet: 04.08.2025, 11:50 Uhr
Betreff: Artikel vom 30.07.2025 von Falk Jaeger

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ein Tagesspiegel-Abonnent schickte mir den Artikel "Architektur in Berlin: Die Monotonie kommerzieller Wohnungsproduktion überwinden" von Falk Jaeger vom 30.07.2025 zu. Darin berichtet Ihr Autor über ein Wohnprojekt in Kaulsdorf zwischen Lion-Feuchtwanger-Straße und Teterower Ring. Das Projekt befindet sich bei mir um die Ecke und ich möchte Ihnen eine andere Sichtweise darlegen.

Gleich die ersten Sätze von Herrn Jaeger zeigen, wo es lang gehen soll: "Wohnungsbau in Berlin ist ein trauriges Thema. Zu wenig, zu teuer, zu schlecht. Ein Bauprojekt in Kaulsdorf zeigt, wie anregender Lebensraum entstehen kann." Der Artikel endet mit der euphorischen Aussage: "Architektur schafft Lebensraum, nicht immer gelingt es wie hier zum Wohl der Bewohner." Geht es nicht ein paar Nummern kleiner? War Ihr Autor überhaupt mal vor Ort? Zum abgedruckten Foto finde ich leider auch keinen Quellenhinweis.

Als Anwohner begleitete ich den Bau von Anfang an. Die Skepsis und das Kopfschütteln der Nachbarschaft nahm in gleichem Maße zu wie die beiden Gebäuderiegel mit dem dazwischen liegenden Hof in die Höhe wuchsen. Ich traf nicht einen Menschen, der in diesem Projekt hätte wohnen wollen. Bald war vom Gefängnisbau die Rede. In der Tat erinnert die Bauweise mit den kahlen Betonwänden (erste Schmierereien mussten schon beseitigt werden) und den einsehbaren, vergitterten, dicht an dicht gepressten, direkt gegenüber liegenden Balkonen, an das Innere einer Strafanstalt. Herr Jaeger tut das mit dem Satz ab: "Ästhetik ist nachrangig".

Nachrangig ist offenbar auch die Zweckmäßigkeit. Man teste nur mal die "Klingelanlage". Erster Schritt: Das Display berühren, um die Suchfunktion aufzurufen. Zweiter Schritt: Eingabe von Buchstaben über eine Tastatur. Das kann bei Namensgleichheiten dauern. Die Alternative: Extrem langwieriges Scrollen durch die Namensliste. Umständlich, fehleranfällig und vor allem nicht kindgerecht.

Apropos Kinder. Da jubelt Ihr Autor: "Kindern ist sicherer Spielraum im Terrassenhof geboten." Für mich hat der "Spielraum" dagegen eher den kalten Charme eines Gefängnishofes. Zu diesem Eindruck trägt nicht nur die karge Ausstattung mit Spielgerät, sondern auch die abschreckende knallrote Farbe bei!

In dem genannten Artikel werden zwar die Nettobaukosten erwähnt, aber die viel interessanteren Zahlen für die Mieten werden nicht genannt. Hat der Autor diese etwa nicht erfragt oder passten sie einfach nicht in seine schöne neue Mietwelt? Auf dem Portal von "Immobilienscout24" wird man schnell fündig. Aktuell werden 25 Wohnungen für eine Kaltmiete von 1.056 € bis 2.336 € angeboten.

Ein Beispiel: 3-Zimmerwohnung in der 6. Etage mit der sagenhaften Größe von 52,4 m² für "nur" 1.310 € kalt bzw. 1.446,98 € warm. Das ergibt einen stolzen Quadratmeterpreis von 25 € kalt bzw. 27,61 € warm.

Da ist es auch kein Wunder, dass der Leerstand immens ist. Wenn ich richtig gezählt habe, dann sind bisher nur 7 Wohneinheiten belegt - von insgesamt 124. Man kann nur hoffen, dass sich das noch zum Positiven ändert. Ihrem Autor möchte ich raten, in Zukunft besser zu recherchieren und der Leserschaft ein umfassendes und objektives Bild der Realität zur eigenen Beurteilung zu bieten.

Mein Fazit: Zum "Wohl der Bewohner" trägt diese Art von Architektur bestimmt nicht bei. Diesem Anspruch werden wohl eher die umliegenden Plattenbauten mit meterlangen Balkonen bei freier Sicht gerecht. Entscheidend aber dürfte sein, dass "anregender Lebensraum" in diesem Wohnumfeld vor allem durch bezahlbare Mieten definiert wird. An dieser Tatsache kommt auch Ihr Autor Falk Jaeger nicht vorbei!

Mit freundlichen Grüßen

Schon am nächsten Tag erhielt ich eine Antwort. Der Autor Falk Jaeger selbst war der Absender.

Datum: 5.8.2025, 13:39 Uhr
Betreff: Leserbrief an den Tagesspiegel

Sehr geehrter Herr Patalong,

vielen Dank für den ausführlichen Leserbrief. Es gibt ja leider recht wenig qualifizierte Resonanz auf derlei Zeitungsartikel, wenngleich meist negative, denn Ärger will man natürlich loswerden.

Ich verstehe auch, dass manche Menschen in Kaulsdorf rasch von Gefängnisarchitektur sprechen. (Skepsis während der Bauzeit ist aber voreilig – jede Baustelle sieht unwirtlich aus). Es hat sich jedoch gezeigt, dass Projekte mit ähnlichen Erschließungssystemen von den Bewohnern gut angenommen werden und zu einem intensiven Miteinander führen. Die leeren Fotos zur Fertigstellung zeigen das noch nicht, aber ich empfehle, das Objekt in ein, zwei Jahren nochmals in Augenschein zu nehmen, wenn die Bewohner es sich zu eigen gemacht haben. Dann, denke ich, werden keine Assoziationen an Strafanstalten mehr aufkommen. Die Architektur hat das Potenzial dazu, und darauf kommt es mir an.

Das gilt auch für die Freianlagen. Derzeit erscheint es noch eher öde, aber wenn sich die geplante Vegetation entwickelt hat, wird man sich dort sicher wohl fühlen. Abschreckend finde ich die rote Farbe (Lieblingsfarbe bei Kindern) übrigens nicht, zumal als Kontrast zum „kalten“ Beton und dem noch kommenden grünen Bewuchs.

Was die Mieten betrifft, haben Sie natürlich recht. Aber sie liegen leider auf für solche Wohnbauprojekte normalem Niveau. Anders ist frei finanzierbar derzeit nicht zu bauen. Immerhin gibt es sehr unterschiedlich geschnittene und flexible Wohnungen je nach Bedürfnis. Eine individuell passende Wohnung kommt auch mit weniger Quadratmetern aus.

Die Klingelanlage ist wohl tatsächlich nicht der Weisheit letzter Schluss. So etwas wird erfahrungsgemäß über kurz oder lang korrigiert.

Jede Wohnanlage muss sich mittelfristig beweisen. Ich denke also, man kann in Kaulsdorf durchaus zuversichtlich sein. Einstweilen ist ein Vergleich mit dem ansonsten üblichen Wohnungsbau nach 60 Jahre altem Schema F jedenfalls aufschlussreich.

Mit freundlichem Gruß

Falk Jaeger
Architekturkritiker

 

Ich hatte zunächst auf eine weitere Mail an den Architekturkritiker verzichtet, obwohl Herr Jaeger für mein Empfinden alle kritischen Punkte etwas zu leicht beiseite geschoben hatte. Nach ein paar Wochen stellte ich allerdings nie zuvor Gesehenes fest und versuchte, Herrn Jaeger mit folgender Mail auf den neuesten Stand zu bringen:

Gesendet: 06.11.2025, 15:41 Uhr
Betreff: Wohnprojekt in Kaulsdorf

Sehr geehrter Herr Jaeger,

vermutlich werden Sie sich nicht mehr erinnern, dass ich am 4.8.2025 einen Leserbrief an den Tagesspiegel schrieb, in welchem ich Ihren Artikel "Architektur in Berlin: Die Monotonie kommerzieller Wohnungsproduktion überwinden" vom 30.07.2025 kritisch kommentierte. Thema war das Wohnprojekt in Kaulsdorf zwischen Lion-Feuchtwanger-Straße und Teterower Ring. Sie haben mir freundlicherweise am 5.8.2025 mit einer Mail direkt geantwortet.

Ich fühle mich nun veranlasst, ein Update nachzureichen.

Vor einigen Wochen sah ich durch Zufall, dass der gesamte Komplex mit den einander zugewandten Balkonseiten in den Abendstunden mit unzähligen Lampen voll beleuchtet wird (Fotos kann ich bei Bedarf nachreichen). Und das täglich bzw. abendlich. Warum? Sicherheitsaspekte? Lebensraumverbesserung? Keine Ahnung! War eventuell doch ein Gefängnisbau das Vorbild für dieses innovative Wohnprojekt? Bei "normalen" Mietshäusern kann ich einen Sinn für diese Art der Illumination einfach nicht erkennen.

Die Dauerbeleuchtung wird anscheinend automatisch und ohne Einflussmöglichkeit der Hausbewohner ab 17 Uhr aktiviert. Wie lange diese eingeschaltet bleibt, kann ich nicht sagen. Ich stelle mir das total nervend für die Bewohner vor, weil die Intimsphäre mit Sicherheit darunter leidet. Dazu kommt aus ökologischer und ökonomischer Sicht die sinnlose Energieverschwendung!

Aber vielleicht hat das etwas mit der Überwachungsmöglichkeit für die Balkone zu tun!? Mit Erstaunen stellte ich nämlich am 31.10.2025 (Halloween!) fest, dass ein Hausbewohner ohne Probleme quer über eine ganze Balkonreihe laufen konnte. Mit anderen Worten: Es scheint tatsächlich möglich zu sein, fremde Balkone und, falls die Balkontüren geöffnet sein sollten, sogar die entsprechenden Wohnungen zu betreten. Was ist denn das für ein grandioses Konzept?

Inzwischen wurde immerhin der Leerstand reduziert. Etwas auffällig ist jedoch, dass diverse Wohnungen mit mehreren Personen belegt sind, wie man den Klingelanlagen entnehmen kann, die übrigens immer noch unverändert in Betrieb sind.

Ich möchte anregen, dass Sie einen Folgeartikel mit aktualisierten Rechercheergebnissen über das von Ihnen einstmals so gelobte Wohnprojekt schreiben und veröffentlichen.

Mit freundlichem Gruß

Voll beleuchtetes Mietshaus in der Lion-Feuchtwanger-Straße in Kaulsdorf Lion-Feuchtwanger-Str © 2025 KopfsplitterFoto

Herr Jaeger antwortete - aus welchen Gründen auch immer - nicht. Auch ein Folgeartikel im Tagesspiegel blieb bisher (Stand: 15.12.2025) aus. Das ist mir etwas unverständlich, weil es nicht nur für mich, sondern auch für andere Leser im wahrsten Sinne "erhellend" gewesen wäre, welche Stellungnahme ein Architekturkritiker angesichts des neuen Sachverhalts abgegeben hätte.

Voll beleuchtetes Mietshaus in der Lion-Feuchtwanger-Straße in Kaulsdorf Lion-Feuchtwanger-Str © 2025 KopfsplitterFoto

Auf den beiden Fotos ist die ungewöhnliche Beleuchtungssituation dokumentiert. Inzwischen (Mitte Dezember 2025) ist der Zeitpunkt des Einschaltens auf 16 Uhr vorgezogen worden.


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