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US-Kriegsgrund: Der Tonkin-Zwischenfall

zuletzt bearbeitet am 15.12.2025

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Inhalt In aller Kürze:
Nach dem Rückzug der französischen Kolonialmacht aus Indochina wollte die US-Regierung ein kommunistisches Gesamt-Vietnam unbedingt verhindern. Der demokratische Präsident Lyndon B. Johnson nutzte 1964 einen Zwischenfall im Golf von Tonkin, um ein verstärktes militärisches Engagement in Vietnam zu rechtfertigen. Das endete für die Amerikaner ca. 10 Jahre später in einem Debakel. Der Vorfall selbst war eigentlich gar nicht so dramatisch. Anfang August 1964 kam es zu einem Scharmützel zwischen nordvietnamesischen Schnellbooten und dem amerikanischen Zerstörer Maddox, in dessen Verlauf die amerikanische Luftwaffe und ein weiterer Zerstörer eingriffen. Obwohl die Vorgänge vor Ort unklar waren, wurden im fernen Washington flugs einseitige Schuldzuschreibungen verlautbart. Politiker und Militärs erreichten ihr Ziel: Bombardierungen Nordvietnams und Entsendung von Bodentruppen nach Südvietnam.

Die Vorgeschichte

Karte der territorialen Verhältnisse in Folge des Indochinakriegs 1954–1956 Foto: Don-kun, NordNordWest, Indochina 1954 to 55 map de, CC BY-SA 3.0
Territoriale Verhältnisse in Folge des Indochinakriegs 1954–1956

Frankreich gelang es, im Laufe des 19. Jahrhunderts Indochina mit den heutigen Staaten Laos, Kambodscha und Vietnam zu kolonisieren. Zwar wurde der französische Einfluss während des Zweiten Weltkriegs durch die Niederlage 1940 gegen Deutschland und die zeitweise Hegemonie Japans im südostasiatischen Raum zurückgedrängt, aber nach Ende des Krieges versuchte die französische Regierung, die alten Zustände wiederherzustellen.

Die Folge war der Indochinakrieg von 1946 bis 1954 zwischen der Kolonialmacht Frankreich und der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Minh), die ein unabhängiges und kommunistisches Vietnam als Ziel hatte. Trotz der zunehmenden finanziellen Unterstützung Frankreichs durch die USA gerieten die Franzosen zunehmend unter Druck. Die Niederlage von Dien Bien Phu 1954 hatte für Frankreich aber den kompletten Rückzug aus Indochina zur Folge. Während jedoch Laos und Kambodscha die Unabhängigkeit erreichten, wurde Vietnam zunächst entlang des 17. Breitengrades geteilt.


Um ein kommunistisches Gesamt-Vietnam zu verhindern, scheuten die Amerikaner nicht davor zurück, undemokratische und totalitäre Regierungen wie den südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dình Diem zu unterstützen. Der ging mit seinem autoritären Regierungsstil nicht nur gegen Kommunisten vor, sondern zunehmend gegen alle oppositionellen Gruppen.

1963 putschte das Militär, in dessen Verlauf Diem erschossen wurde. Die US-Amerikaner hatten bis dahin den Kampf der Südvietnamesen gegen die Vietcong und das nordvietnamesische Militär durch Geld, Berater, Waffen und Spionageaktionen unterstützt. Um ein verstärktes Engagement in Vietnam zu rechtfertigen, wurde von der US-Regierung der Tonkin-Zwischenfall (auch Tongking-Zwischenfall) konstruiert oder wenigstens instrumentalisiert.

Der Zwischenfall

Der Zerstörer USS Maddox in einer Aufnahme vom März 1964 Foto aus Wikipedia (gemeinfrei):
Zerstörer USS Maddox (1964)

Ende Juli 1964 operierten südvietnamesische Marineangehörige im Golf von Tonkin vor der nordvietnamesischen Küste. Der amerikanische Zerstörer USS Maddox war in der Nähe auf Erkundungsfahrt, um offensichtlich die Funktionsweise von Radaranlagen in Nordvietnam zu testen und andere Militäreinrichtungen auszuspähen.

Am 2.8. kam es dabei zu einem Scharmützel mit nordvietnamesischen Schnellbooten. Ob sich der Zerstörer außerhalb der international anerkannten Zwölfmeilenzone befand, ist umstritten. Auf jeden Fall bedrängten die drei Boote die Maddox, welche einsatzbereite Flugzeuge von einem Flugzeugträger zu Hilfe rief. Die vier Corsair-Bomber schalteten die Schnellboote aus, nachdem diese Torpedos in Richtung der Maddox abgeschossen hatten, die allerdings keinen Schaden anrichteten. Es ist ungeklärt, ob der Zerstörer die ersten Schüsse abgab. Es wurden später lediglich einige MG-Einschusslöcher entdeckt.

Zerstörer USS Turner Joy in einem Luftbild von 1962 Foto aus Wikipedia (gemeinfrei):
Zerstörer USS Turner Joy (1962)

Noch war der Zwischenfall keine große Sache für das Weiße Haus. Und eigentlich wollte der Kapitän der USS Maddox, John J. Herrick, das Gebiet auch verlassen. Das wurde aber abgelehnt. Stattdessen wurde ein weiterer Zerstörer, die USS Turner Joy, zur operativen Unterstützung der Maddox eingebunden.

Am späten Abend des 4. August (Ortszeit) meldete Kapitän Herrick Torpedoangriffe von nordvietnamesischen Schnellbooten auf die Maddox und die Turner Joy. Aber eigentlich war die Sicht schlecht. Lichter und Geräusche wurden zwar registriert, aber nicht richtig zugeordnet. Herrick hatte sich nach seinen ersten Telegrammen mit weiteren Nachrichten gemeldet, die von Zweifeln sprachen:

"Verrückte Wetterphänomene und übereifrige Jungs an den Sonargeräten machen Feindberührungen mehr als fraglich. Schlage genaue Untersuchung vor."

Verteidigungsminister Robert McNamara gab später zu, dass er keine exakten Informationen aus dem Einsatzgebiet bekommen habe. Es mag Fehleinschätzungen gegeben haben. Es mag sogar Fälschungen des NSA-Geheimdienstes gegeben haben. Aber eines gab es definitiv nicht: Torpedoangriffe von nordvietnamesischen Schiffen auf die beiden Zerstörer. Das wurde 1971 durch die Veröffentlichung der geheimen Pentagon-Papiere von Whistleblower Daniel Ellsberg und 2005 durch die Freigabe von ebensolchen Papieren durch die NSA bewiesen.

US-Präsident Johnson bei der Bekanntgabe der Bombardierung Nordvietnams am 4. August 1964

Foto aus Wikipedia (gemeinfrei):
US-Präsident Johnson bei der Bekanntgabe der Bombardierung Nordvietnams am 4. August 1964

Trotzdem berief sich der demokratische Präsident Lyndon B. Johnson in einer Fernsehansprache auf das Recht der Verteidigung gegen unprovozierte nordvietnamesische Angriffe und kündigte Vergeltungsschläge an. Diese erfolgten durch trägergestützte Bomber am 5. August gegen Ziele in Nordvietnam.

Die Konsequenzen

Zwei Tage später erreichte die US-Regierung die Annahme der Tonkin-Resolution. Der Kongress gab der US-Regierung die Vollmacht, Truppen nach Vietnam entsenden zu können, ohne offiziell eine Kriegserklärung aussprechen zu müssen. Die Resolution wurde im Repräsentantenhaus mit 416 zu 0 Stimmen, im Senat mit 88 gegen die zwei Demokraten Wayne Morse und Ernest Gruening angenommen. Schon im Juni 1970 widerrief der Senat übrigens die Resolution, da der Tonkin-Zwischenfall nicht geklärt werden konnte.

Präsident Johnson nutzte den Zwischenfall, um die US-amerikanische Beteiligung am Vietnamkrieg zu legitimieren. Mit Johnsons Bombardierungen und der Entsendung von Bodentruppen begann die Eskalation des Bürgerkrieges, die schließlich 1973 für die Vereinigten Staaten in einen Waffenstillstand mit Nordvietnam enden sollte. Es war die historisch erste Niederlage der amerikanischen Armee.

Wesentlich schlimmer traf es jedoch das vietnamesische Volk, welches eine unfassbare Leidensgeschichte mit jahrelangem Krieg und Millionen Toten erleben musste. Flächenbombardements mit Napalm und chemischen Waffen trafen vor allem die Zivilbevölkerung und verursachten grausame Gesundheits- und langfristige Umweltschäden. Zahllose Kriegsverbrechen der US-Soldaten sind dokumentiert, ohne je angemessen gesühnt zu werden.

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