Inhalt Splitter Dialog Betrifft Fundgrube Unterwegs Hörbar ?? EDV Links Datenschutz Impressum Suche

Kopfsplitter

Betrifft

Kriegsgrund: Der Überfall auf den Sender Gleiwitz

zuletzt bearbeitet am 15.12.2025

Vorlesen lassen: 

Inhalt In aller Kürze:
Ein Krieg gegen Polen nahm erst erstaunlich spät einen Platz in Hitlers Überlegungen ein. Nachdem er sich aber dazu entschlossen hatte, ging es nur noch darum, die Durchführung propagandistisch vorzubereiten. Sowohl die ausländische als auch die deutsche Öffentlichkeit sollten getäuscht werden. SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich plante entsprechende Geheimoperationen. Die wichtigste war der inszenierte Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz nahe der polnischen Grenze. Am nächsten Vormittag verkündete Hitler als Konsequenz: "Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen."

Jozef_Pilsudski Foto aus Wikipedia (gemeinfrei): Jozef Pilsudski

Eigentlich ist es erstaunlich, dass Adolf Hitler Polen zunächst gar nicht als feindliche Macht einordnete. Im Gegenteil. Entscheidend war wohl, dass seit dem Staatsstreich im Mai 1926, Jozef Pilsudski, der starke Mann Polens, das östliche Nachbarland in wechselnden Funktionen autoritär beherrschte. Und der trat eher für eine Verständigung mit Deutschland ein und lehnte jede Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ab. Es soll deshalb sogar Überlegungen von Hitler gegeben haben, zusammen mit den Polen gegen die UdSSR zu marschieren.

Nach Pilsudskis Tod 1935 änderte sich die Lage langsam. Der zunehmende Nationalismus in Polen, der sogar einen faschistischen Staatsstreich nicht ausklammerte, geriet immer öfter in Konflikt mit einem sich merklich aggressiver gebärdenden Deutschland. Dieses zog zusehends die Revision der durch den Versailler Vertrag als Unrecht empfundene Grenzziehung zugunsten Polens in Betracht.

Das Ergebnis ist bekannt. In einer Ansprache vor ca. 50 Befehlshabern der Wehrmacht erläuterte Adolf Hitler am 22. August 1939 seine Absicht, das Nachbarland Polen anzugreifen. Laut der Aufzeichnung von Generaladmiral Hermann Boehm sagte Hitler:

"Die Auslösung des Konfliktes wird durch eine geeignete Propaganda erfolgen. Die Glaubwürdigkeit ist dabei gleichgültig, im Sieg liegt das Recht."

Konkrete Planungen für derartige propagandistische Vorwände leitete im Hintergrund SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD. Um den Angriff auf Polen am 1. September 1939 vor den Deutschen und der Weltöffentlichkeit zu rechtfertigen, inszenierte Nazideutschland direkt am Vorabend gegen 20 Uhr als Höhepunkt einen Schein-Überfall auf den Sender Gleiwitz in der Nähe der polnischen Grenze. Ein SS-Kommando in ziviler Kleidung griff mit Maschinenpistolen das Sendegebäude an und überwältigte darin mehrere Personen.

Sender Gleiwitz Foto: Der Mast des Senders Gleiwitz
Grimmi59 rade, Sender gliwice, CC BY-SA 3.0 extern🡽

Der Ort Gleiwitz (polnisch: Gliwice) liegt in Oberschlesien, nur wenige Kilometer von der damaligen polnischen Grenze entfernt. Da der Sender eine rein technische Anlage war und nur das Programm des Reichssenders Breslau übernahm, dauerte es, bis die Angreifer ein Notmikrofon gefunden hatten und das laufende Programm unterbrechen konnten.

Schließlich verkündeten die vermeintlichen polnischen Freischärler in deutscher und polnischer Sprache:

"Achtung! Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand. [...] Die Stunde der Freiheit ist gekommen!"

Der nur wenige Minuten dauernde Aufruf endete mit: "Hoch lebe Polen!"

Um die Aktion noch glaubhafter erscheinen zu lassen, hatte das SS-Kommando einen durch eine Spritze betäubten Gefangenen mitgebracht, einen polenfreundlichen Oberschlesier, der am Vortag verhaftet worden war. Dieser wurde tot am Schauplatz zurückgelassen. Es wurde nie bekannt, ob der Mann durch die Spritze oder Gewehrkugeln ermordet worden war.

Ungefähr zwei Stunden später berichtete erstmals der Reichsrundfunk über den Überfall auf den Sender Gleiwitz. Am nächsten Morgen, also am 1. September, erschien in der gesamten deutschen Presse der Bericht vom angeblichen Überfall. Hitler allerdings erwähnte Gleiwitz nicht ausdrücklich in seiner vom Rundfunk übertragenen Reichstagsrede am Vormittag:

"Diese Vorgänge haben sich nun heute Nacht abermals wiederholt. Nachdem schon neulich in einer einzigen Nacht 21 Grenzzwischenfälle zu verzeichnen waren, sind es heute Nacht 14 gewesen, darunter drei ganz schwere. Ich habe mich daher nun entschlossen, mit Polen in der gleichen Sprache zu reden, die Polen seit Monaten uns gegenüber anwendet. [...] Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen. Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten."

Mit dem Angriff auf Polen begann in Europa der Zweite Weltkrieg, da England und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärten. Er endete im Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.

Lesen Sie auch Prinzipien der Kriegspropaganda

nach oben