[Splitter] Ein Asylsuchender findet den Tod

aktualisiert am 11.2.2007

Grabstelle von Cemal Kemal Altun vom Oktober 2006

Also, das ist schon irgendwie komisch. Da gehe ich seit Jahren auf den Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde in Berlin-Mariendorf, weil dort Ulrike Meinhofs Grab ist. Und dann entdecke ich bei Recherchen für eine neue Homepage zufällig, daß auf demselben Friedhof einige Dutzend Meter entfernt ein ebenfalls nicht unbekanntes Schicksal begraben liegt. Das Grab, anscheinend unter wuchernden Pflanzen vergessen, war noch schwerer zu finden als damals die Grabstelle von Ulrike Meinhof.

Wer ist es, der dort bestattet wurde? Cemal Kemal Altun wird am 13.4.1960 in Samsun (Türkei) am Schwarzen Meer geboren. 1981 beschuldigt das türkische Militärregime ihn, am Attentat auf Gün Sazak, einen ehemaligen Minister und eine Führungsfigur der rechten "Grauen Wölfe", beteiligt gewesen zu sein. Er flieht aus Angst vor Folter und Gefängnis nach West-Berlin zu seiner Schwester. Die damalige CDU/FDP-Bundesregierung und die deutschen Verwaltungs- und Justizorgane verweigern ihm jedoch den erhofften Schutz. Im Gegenteil. Man will ihn offenbar schnell wieder loswerden und gibt den türkischen Behörden einen entsprechenden Hinweis. Die verlangen dann auch prompt seine Auslieferung. Wegen deutscher und internationaler Proteste verbleibt Cemal Altun aber erst mal in deutscher Auslieferungshaft. Unmenschlich: Insgesamt 13 Monate Einzelhaft muß er aushalten.

Obwohl das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge den Kurden im Juni 1983 als Asylberechtigten anerkennt, betreiben der CSU-Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, der FDP-Justizminister Hans A. Engelhard und die Berliner Behörden weiter seine Auslieferung. Der Bundesbeauftragte für Asylangelegenheiten legt Beschwerde gegen die bereits ausgesprochene Anerkennung ein. Am 30. August soll vor dem Verwaltungsgericht in West-Berlin eben diese Klage verhandelt werden. Cemal Altun ist jedoch dem Druck nicht mehr gewachsen und springt während der Verhandlung aus dem Fenster des sechsten Stocks in den Tod.

Sein Anwalt, der spätere grüne Justizsenator und Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland, berichtet 20 Jahre nach dem dramatischen Ereignis in einem Interviw mit der taz vom 1.9.2003:

"Cemal Altun saß vor Beginn der Verhandlung genau zwischen mir und dem Dolmetscher. Plötzlich sprang Altun auf. Ich dachte noch: Der wird doch nicht auf den Wachtmeister losgehen, das ist doch nicht seine Art! Dann ist er in einer einzigen Bewegung auf die Fensterbank gestiegen und ohne zu zögern durch das geöffnete Fenster gesprungen. Das war für uns ein völliger Schock. Für mich ist es bis heute ein Trauma. Der Saalwachtmeister, der das Fenster geöffnet hatte, weil es an diesem Tag stickig war, bekam einen Nervenzusammenbruch. Es war sofort klar, dass Cemal tot war. Alle waren fassungslos. Es war ja ein Verfahren, das unter den Augen der Weltöffentlichkeit stattfand.

Friedhof

Die politisch und juristisch Verantwortlichen drücken sich um die Verantwortung. "Die Ignoranz der Justiz und der Opportunismus der Bundesrepublik waren stärker als sein Durchhaltevermögen und unser Engagement", heißt es in der Traueranzeige. Es gibt eine große Demonstration zum Kammergericht und Menschen aus ganz Deutschland tragen Cemal Altun schließlich auf ihren Schultern durch die halbe Stadt zum Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde in Mariendorf.

Erst 7 Jahre vorher war auf demselben Friedhof Ulrike Meinhof begraben worden. Wenige Dutzend Meter entfernt. Zwei Schicksale. Beide lange Zeit auf der Flucht. Er vor der real existierenden Miltärdiktatur. Und sie vor dem "faschistischen Schweinesystem", welches nur in ihrem Kopf existierte und das sie wohl als Rechtfertigung für ihre Art des Kampfes brauchte. Er setzte aus Verzweiflung und Angst vor der Zukunft selbst seinem Leben ein Ende. Und Sie? Wenn es wirklich Selbstmord war - und das erscheint mir wahrscheinlich, dann war auch das eine Tat voller Verzweiflung und Zukunftsangst.

An das Schicksal Cemal Altuns erinnert seit 1996 ein Denkmal an der Hardenbergstraße 20, in der Nähe des ehemaligen Verwaltungsgerichts, das Cemal Altun nachträglich als Asylberechtigten anerkannte. Die Skulptur von Akbar Behkalam zeigt einen kopfüber herabstürzenden Menschen.

Die Grabstelle Nr.33 von Cemal Altun befindet sich in der Abteilung F, Reihe 12.


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