[Splitter] Ulrike Meinhofs Grab

aktualisiert am 11.2.2007

Ulrike Meinhof

"Inmitten des massenweisen Tötens in unserer Welt und des massenweisen Getötetwerdens liegen auf dem Weg, zu dem sie sich entschlossen hat, Menschenleben und am Schluß sie selbst."

Pastor Gollwitzer 1976 am Grab von Ulrike Meinhof


Der Journalistin und RAF-Terroristin bin ich im Jahre 2001 begegnet. Da war sie allerdings schon ein Vierteljahrhundert tot. Als ich in Berlin von Schöneberg nach Mariendorf umzog, wußte ich aber noch nicht, wer 1976 nur wenige Hundert Meter von meiner neuen Wohnung entfernt beerdigt worden war.

Gerade vor meinem Umzug hatte ich meine konkret-Jahrgänge aus der APO-Zeit entsorgt. Ulrike Meinhof war Kolumnistin und Chefredakteurin eben dieser Zeitschrift gewesen. Natürlich habe ich ihre Kommentare gelesen, habe ihren weiteren Weg in den Medien und auf Fahndungsplakaten verfolgt.

Nach der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader war sie ja in die Illegalität gegangen und wurde dadurch ungewollt Namensgeberin der terroristischen Baader-Meinhof-Gruppe. Die Gruppe selbst nannte sich Rote Armee Fraktion (RAF) und verübte eine Reihe von politisch motivierten Überfällen und Anschlägen, bevor Ulrike Meinhof 1972 zusammen mit den anderen Top-Terroristen der sogenannten 1.Generation verhaftet wurde.

Vier Jahre später wurde sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. Den Kontakt zu ihren Kindern hatte sie da schon längst abgebrochen. Die waren 13 Jahre alt, als sie ihre Mutter nun endgültig verloren.

Im Laufe der Jahre geriet Ulrike Meinhof mehr und mehr in Vergessenheit; insbesondere nach der endgültigen Auflösung der RAF. Anfang 2001 ging ihr Name erneut durch alle Medien. Eine ihrer Töchter, Bettina Röhl, ebenfalls Journalistin, schoß sich zunehmend auf einen ehemaligen Straßenkämpfer der Frankfurter Sponti-Szene ein, dem sie mit aller Macht Terrorismusnähe nachzuweisen versuchte. Brisant an dieser Sache war, daß dieser Mann mittlerweile zum allgemein geachteten Außenminister Deutschlands aufgestiegen war. Sein Name: Joschka Fischer.

Wer die Vorwürfe in ihrer ganzen epischen Breite nachlesen möchte, kann das auf der Homepage von Bettina Röhl http://www.bettinaroehl.de/ tun. Ihr Schreibstil ist allerdings sehr gewöhnungsbedürftig, bisweilen sogar konfus. Und irgendwie werde ich das Gefühl auch nicht los, daß die Frau mit ihrem Schicksal hadert und einen privaten Rachefeldzug führt. Zwei beispielhafte Zitate:

"Die Pressefreiheit ist de facto die Freiheit ein paar privat wirtschaftlich organisierter 68er-Chefredakteure, die sich bei Millionen-Gehältern um Links Verdienste machen und einen 68er-Mainstream auf ihrer Schweißspur nach sich ziehen."

"All die öffentlichen Scheinargumentationen, die mit Logik nicht das Mindeste zu tun haben, die da aufgefahren werden, um das System Fischer ständig geschmiert zu halten und um es auf Hochtouren laufend zu einer wahren Exculpationsmaschinerie hinauf zu fahren, sind es nicht wert, widerlegt zu werden."

Auf jeden Fall erreichte sie, daß die Angriffe auf Fischer wochenlange Debatten über 68er, APO und Gewalt nach sich zogen. Nicht nur die Politiker, sondern insbesondere die Medien beschäftigten sich ausführlich mit dem Thema. Und in einer dieser TV-Sendungen wurde auch auf die Beerdigung von Ulrike Meinhof eingegangen und in diesem Zusammenhang der Friedhof in Mariendorf genannt.

Eher aus Neugier habe ich das Grab aufgesucht. Ich habe es übrigens erst nach Befragen eines Friedhofgärtners finden können. Im Laufe der Zeit habe ich öfter mal nachgesehen. Manchmal lagen Blumen auf dem Grab oder auch mal ein Brief. Das Grab wurde dann zwischenzeitlich umgestaltet, die Hecke entfernt und ein Bäumchen gepflanzt.

Meinhof-Grab Juni 2001 Interessanterweise wird auf dem Foto vom Juni 2001 eine Inschrift sichtbar, die auf dem Stein selbst heute fast spurlos verschwunden ist. Ursprünglich sollte der Text "Freiheit ist nur im Kampf um Befreiung möglich" eingraviert werden. Das wurde aber nicht erlaubt. Es scheint aber, daß die Arbeiten schon weit vorangeschritten waren, so daß die Inschrift oder entsprechende Vorabeiten erst nachträglich entfernt wurden.

Meinhof-Grab Juni 2001 Dieses Foto vom Juni 2001 zeigt noch die ursprüngliche Bepflanzung mit einer Hecke. Rechts steht die Birke. Der Grabstein konnte vom Durchgangsweg (Wiese) nicht direkt gesehen werden, da er durch die Hecke verdeckt war. Der Eingang links ist nur zu ahnen. Eigentlich war also das Grab zu dieser Zeit "verkehrt herum" angelegt.

Meinhof-Grab Juni 2001 Das Foto vom Juni 2001 zeigt noch die alte Lage des Grabsteins - entgegengesetzt zur heutigen Richtung. Dies ist an der Birke im Hintergrund zu sehen. Durch die Lage - verkehrt herum - wurde aber nicht das Grab einer Selbstmörderin markiert, wie ich es schon mal gelesen habe. Denn gleich daneben befinden sich drei ca. 80 Jahre alte Grabplatten, die ebenfalls andersherum ausgerichtet sind. Daran wird man sich wohl orientiert haben.

Meinhof-Grab Februar 2004 Aus dem Jahr 2004 (Februar). Die Hecke ist entfernt, der Stein auf die entgegengesetzte Seite verlegt. Ein Bäumchen steht jetzt links neben dem Grabstein.

Wer Ulrike Meinhofs Grab besuchen möchte, der findet es auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde (Abt. A, unter einer Birke) in der Eisenacher Straße 61 in Mariendorf. Nicht mit dem Friedhof gleich daneben in Nummer 62 verwechseln. Siehe auch Plan unten.

Tja, und dann dieser Hammer: Das Gehirn von Ulrike Meinhof wurde 1976 nicht mit beerdigt, sondern von einem gewissen Professor Peiffer begutachtet und danach zu Forschungszwecken aufbewahrt. Seine These, die anscheinend keinen (mehr) interessierte: Wegen einer Hirnveränderung sei Ulrike Meinhof möglicherweise schuldunfähig gewesen. 1997 übergab er das Gehirn in einer Pappschachtel seinem Magdeburger Kollegen Bogerts zwecks weiterer Forschung.

Dies alles geschah ohne Wissen der Angehörigen. Der Spiegel bekam Wind davon und bereitete eine entsprechende Story vor. Das widerum brachte Bettina Röhl auf die Palme und sie startete mal wieder eine ihrer Medien-Attacken.

Das Gehirn ist schließlich am 20.12.2002 nachträglich beigesetzt worden.

Eine Frage wird leider nie beantwortet werden können: Was wäre in der Geschichte der BRD anders gelaufen, wenn Andreas Baader 1970 nicht befreit worden wäre? Dagegen ist schon eher vorstellbar, was in der Geschichte der Bettina Röhl anders gelaufen wäre, wenn an dieser Aktion ihre Mutter nicht beteiligt gewesen wäre.

Die ganze Tragik wird wohl am besten durch die Überschrift eines Artikels des Spiegel-Redakteurs Alexander Smoltczyk beschrieben:

"BETTINA RÖHL - Die letzte Gefangene der RAF".

Ulrike Marie Meinhof - Ein Menschenleben
7.10.1934 Geburt in Oldenburg (Niedersachsen)
1940 Tod des Vaters
1949 Tod der Mutter
1960 Chefredakteurin der Hamburger Zeitschrift konkret
27.12.1961 Heirat des konkret-Herausgebers Klaus Rainer Röhl
21.9.1962 Geburt ihrer Zwillingstöchter Bettina und Renate
23.10.1962 Hirnoperation
1968 Trennung von Röhl und Umzug mit ihren Kindern nach Berlin
1969 Beendigung ihrer Arbeit bei konkret
14.5.1970 Beteiligung an der gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader und Abtauchen in den Untergrund
15.6.1972 Verhaftung in Hannover
29.11.1974 Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von 8 Jahren
9.5.1976 Sie wird erhängt in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim aufgefunden (vermutlich Selbstmord)
15.5.1976 Beisetzung in Berlin-Mariendorf auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof

Friedhof

Der um 1900 angelegte Friedhof ist trotz seiner geringen Größe in weiten Teilen unbelegt. Neben dem Haupteingang an der Eisenacher Straße gibt es noch diverse Übergänge zum benachbarten Kirchhof Zum Heiligen Kreuz.

Wer das Grab besucht, sollte vielleicht ein paar Schritte weitergehen und der Opfer aus der Nazizeit gedenken. Die BVG hat dort ein Ehrenmal errichten lassen für ihre "im Dienst gefallenen Kolleginnen", die alle in den letzten Kriegstagen am 12.4.1945 umkamen. Wahrscheinlich Bombenopfer. Die meisten waren nicht einmal 20 Jahre alt. In der näheren Umgebung sind auch zahlreiche Zwangsarbeiterinnen der Nazi-Diktatur bestattet, allerdings weniger auffällig.

Nur wenige Schritte entfernt liegt der kurdische Asylsuchende Cemal Altun, der 1983 während einer Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht aus Angst vor der Auslieferung an das türkische Militärregime in den Tod sprang.

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