"Inmitten des massenweisen Tötens in unserer Welt und des massenweisen Getötetwerdens liegen auf dem Weg, zu dem sie sich entschlossen hat, Menschenleben und am Schluß sie selbst." Pastor Gollwitzer 1976 am Grab von Ulrike Meinhof Der Journalistin und RAF-Terroristin bin ich im Jahre 2001 begegnet. Da war sie allerdings schon ein Vierteljahrhundert tot. Als ich in Berlin von Schöneberg nach Mariendorf umzog, wußte ich aber noch nicht, wer 1976 nur wenige Hundert Meter von meiner neuen Wohnung entfernt beerdigt worden war. Gerade vor meinem Umzug hatte ich meine konkret-Jahrgänge aus der APO-Zeit entsorgt. Ulrike Meinhof war Kolumnistin und Chefredakteurin eben dieser Zeitschrift gewesen. Natürlich habe ich ihre Kommentare gelesen, habe ihren weiteren Weg in den Medien und auf Fahndungsplakaten verfolgt. Nach der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader war sie ja in die Illegalität gegangen und wurde dadurch ungewollt Namensgeberin der terroristischen Baader-Meinhof-Gruppe. Die Gruppe selbst nannte sich Rote Armee Fraktion (RAF) und verübte eine Reihe von politisch motivierten Überfällen und Anschlägen, bevor Ulrike Meinhof 1972 zusammen mit den anderen Top-Terroristen der sogenannten 1.Generation verhaftet wurde. Vier Jahre später wurde sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. Den Kontakt zu ihren Kindern hatte sie da schon längst abgebrochen. Die waren 13 Jahre alt, als sie ihre Mutter nun endgültig verloren. Im Laufe der Jahre geriet Ulrike Meinhof mehr und mehr in Vergessenheit; insbesondere nach der endgültigen Auflösung der RAF. Anfang 2001 ging ihr Name erneut durch alle Medien. Eine ihrer Töchter, Bettina Röhl, ebenfalls Journalistin, schoß sich zunehmend auf einen ehemaligen Straßenkämpfer der Frankfurter Sponti-Szene ein, dem sie mit aller Macht Terrorismusnähe nachzuweisen versuchte. Brisant an dieser Sache war, daß dieser Mann mittlerweile zum allgemein geachteten Außenminister Deutschlands aufgestiegen war. Sein Name: Joschka Fischer. Wer die Vorwürfe in ihrer ganzen epischen Breite nachlesen möchte, kann das auf der Homepage von Bettina Röhl http://www.bettinaroehl.de/ tun. Ihr Schreibstil ist allerdings sehr gewöhnungsbedürftig, bisweilen sogar konfus. Und irgendwie werde ich das Gefühl auch nicht los, daß die Frau mit ihrem Schicksal hadert und einen privaten Rachefeldzug führt. Zwei beispielhafte Zitate: "Die Pressefreiheit ist de facto die Freiheit ein paar privat wirtschaftlich organisierter 68er-Chefredakteure, die sich bei Millionen-Gehältern um Links Verdienste machen und einen 68er-Mainstream auf ihrer Schweißspur nach sich ziehen." Auf jeden Fall erreichte sie, daß die Angriffe auf Fischer wochenlange Debatten über 68er, APO und Gewalt nach sich zogen. Nicht nur die Politiker, sondern insbesondere die Medien beschäftigten sich ausführlich mit dem Thema. Und in einer dieser TV-Sendungen wurde auch auf die Beerdigung von Ulrike Meinhof eingegangen und in diesem Zusammenhang der Friedhof in Mariendorf genannt. Eher aus Neugier habe ich das Grab aufgesucht. Ich habe es übrigens erst nach Befragen eines Friedhofgärtners finden können. Im Laufe der Zeit habe ich öfter mal nachgesehen. Manchmal lagen Blumen auf dem Grab oder auch mal ein Brief. Das Grab wurde dann zwischenzeitlich umgestaltet, die Hecke entfernt und ein Bäumchen gepflanzt.
Wer Ulrike Meinhofs Grab besuchen möchte, der findet es auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde (Abt. A, unter einer Birke) in der Eisenacher Straße 61 in Mariendorf. Nicht mit dem Friedhof gleich daneben in Nummer 62 verwechseln. Siehe auch Plan unten. Tja, und dann dieser Hammer: Das Gehirn von Ulrike Meinhof wurde 1976 nicht mit beerdigt, sondern von einem gewissen Professor Peiffer begutachtet und danach zu Forschungszwecken aufbewahrt. Seine These, die anscheinend keinen (mehr) interessierte: Wegen einer Hirnveränderung sei Ulrike Meinhof möglicherweise schuldunfähig gewesen. 1997 übergab er das Gehirn in einer Pappschachtel seinem Magdeburger Kollegen Bogerts zwecks weiterer Forschung. Dies alles geschah ohne Wissen der Angehörigen. Der Spiegel bekam Wind davon und bereitete eine entsprechende Story vor. Das widerum brachte Bettina Röhl auf die Palme und sie startete mal wieder eine ihrer Medien-Attacken. Das Gehirn ist schließlich am 20.12.2002 nachträglich beigesetzt worden. Eine Frage wird leider nie beantwortet werden können: Was wäre in der Geschichte der BRD anders gelaufen, wenn Andreas Baader 1970 nicht befreit worden wäre? Dagegen ist schon eher vorstellbar, was in der Geschichte der Bettina Röhl anders gelaufen wäre, wenn an dieser Aktion ihre Mutter nicht beteiligt gewesen wäre. Die ganze Tragik wird wohl am besten durch die Überschrift eines Artikels des Spiegel-Redakteurs Alexander Smoltczyk beschrieben: "BETTINA RÖHL - Die letzte Gefangene der RAF".
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